Dynamit-Explosion am Schürpohl.
(Soweit möglich, den Abonnenten schon per Extablatt mitgetheilt.)
* Cleve, 19. März. Ein Unglück, furchtbar und schrecklich, dessen Tragweite sich im Augenblicke bei weitem nicht übersehen läßt, hat sich heute Nachmittag gegen 6¼ Uhr in unserer Nachbarschaft ereignet. Um die angeführte Zeit wurden die Bewohner unserer Stadt und der weiten Umgegend durch eine heftige Detonation erschreckt; in den meisten Häusern flogen Thüren und Fenster auf, viele Scheiben wurden durch die Gewalt des Luftdruckes zertrümmert. Die Bewohner eilten, von dunkler Ahnung ergriffen, erschreckt auf die Straßen, um sich über die Ursache des Vorganges klar zu werden, die sie nur irgend einer Explosion zuschreiben konnten. Die Gewalt der Erschütterung war so stark, daß man im ersten Augenblicke an ein Unglück im eigenen Hause glaubte, zum mindesten aber eine Gas- oder Dampfkessel-Explosion in der nächsten Nachbarschaft vermuthete. Doch in Cleve war nichts passirt; Manchem war auch im ersten Augenblicke schon der Gedanke an ein Dynamit–Unglück am sog.„Schürpohl“ gekommen, wo man gerade mit der Wiederverladung des daselbst bekanntlich vor den Gefahren eines etwaigen Eisganges in einem Lagerschuppen bis jetzt geborgen gewesenen Dynamits in die Schiffe beschäftigt war.
Leider hat diese letzte schreckliche Vermuthung zur Thatsache werden müssen! Soweit wir bis jetzt in Erfahrung bringen konnten, sind von den 7500 Kisten Dynamit circa 1000 Kisten explodirt, zwei Schiffe sind zerstört, und was das allerschlimmste ist, mehrere Menschenleben sind zu Grunde gegangen! Augenzeugen, welche soeben von der Unglücksstätte zurückkehren, sprechen von fünf Todten und sieben Vermißten; vier schwer Verwundete langten mittels Extrazug von Station Spyck bereits hier an und wurden im St. Antonius-Hospital untergebacht. Indeß läßt sich, wie gesagt, Genaues über den Umfang des Unglückes noch nicht erfahren. Die Unglücksstätte ist ½ Stunde von der Station Spyck, ca. 1½ Wegstunden von hier entfernt, und dann auch mußte der Zutritt zu derselben noch verboten bleiben, da durch die Explosion ein in der Nähe von zwei mit Dynamit schon befrachteten Schiffen liegendes noch nicht beladenes Schiff in Brand gerathen und somit die Gefahr einer weiteren Explosion noch sehr zu befürchten war.
Wie das Unglück entstanden, darüber herrscht in diesem Augenblicke ebenfalls noch völlige Unklarheit; vielleicht wird die Ursache auch unaufgeklärt bleiben, da die nächsten, unmittelbaren Zeugen derselben wahrscheinlich sämmtlich todt sind. Nach der einen Version wäre die Explosion dadurch erfolgt, daß zwei sich begegnende Handkarren, eine leere vom Schiff kommende und eine mit drei Kisten beladene, unmittelar beim Schiffe gegeneinander gefahren seien; nach anderer Aussage soll die Explosion auf dem nahezu voll geladenen Schiff selbst aus unerklärlichen Ursachen erfolgt sein. Das von der Explosion betroffene Schiff soll ca. 1000 Kisten Dynamit bereits enthalten haben; es hob sich bei der Explosion in die Höhe und versank dann sofort. Durch die Explosion wurde ein nebenanliegendes noch nicht beladenes Schiff in Brand gesetzt, welches nun eine große Gefahr für die in geringer Entfernung von denselben verankerten zwei beladenen Schiffe bot. Auf dem brennenden Schiffe befand sich die Frau einer Schifferfamilie aus Millingen in Holland mit ihren drei kleinen Kindern und ihrer 17 bis 18 jährigen Tochter, auf dem in der Verladung begriffenen Schiffe ihr Mann und der 21 jährige Sohn der Familie. Beide Personen auf diesem Schiffe wurden getödtet, die übrigen sind vermißt, Frau und Tochter wurden aus dem brennenden Schiffe in die Höhe und ans Land geschleudert, jedoch schwer verwundet; die Tochter starb bald an den erhaltenen Verletzungen, während die Frau nach Cleve transportirt werden konnte und für ihr Leben keine Gefahr besteht; die Kinder sollen auch gerettet sein. Wie viel Jammer und Elend hat diese unglückliche Stunde über diese armen Leute gebracht! Die Verunglückten sind, wie uns noch mitgetheilt wird, sämmtlich entweder fremde Schiffer oder Leute der Opladener Dynamit-Fabrik; in wie weit Leute hiesiger Gegend zu Schaden gekommen sein mögen, läßt sich noch nicht feststellen.
Viele Häuser und Gehöfte in der Umgebung sind stark beschädigt; auch in weiterer Entfernung sind durch die Gewalt der Explosion in vielen Häusern sämmtliche Fensterscheiben zertrümmert. Personen und Fuhrwerke, welche sich auf Wegen in der Nähe der Unglücksstätte befanden, wurden durch die Gewalt des Luftdrucks vielfach zu Boden geworfen, kamen aber meistens mit dem Schrecken davon. Nach der Versicherung von mit der Bahn aus der Richtung von Crefeld kommenden Reisenden ist die Detonation und der Luftdruck in Goch, Kevelaer, ja bis Kempen und Crefeld hin wahrgenommen worden. Von den wachhabenden Polizeibeamten an der Unglücksstätte ist glücklicherweise Niemand nennenswerth verletzt worden. Das riesenhafte Unglück hat begreiflicherweise die ganze Stadt und Umgebung in die größte Aufregung versetzt. Alles ist gespannt, Näheres über das Unglück zu erfahren. Am Bahnhofe sammelt sich eine ganze Menge; Andere suchen erhöht gelegene Punkte, wie Schloßberg, Schweinemarkt, Cleverberg ec. auf, von wo aus man die Lohe des brennenden Schiffes deutlich wahrnehmen kann.
Gleich nach Bekanntwerden des Unglücks eilten von hier der Herr Landrath Geh. Rath Eich, Aerzte und Sanitätspersonen ec., zum Theil per Extrazug, zur Stelle, um die nöthigen Anordnungen zu erlassen und für die Verwundeten Fürsorge zu treffen.
* Cleve, 20.März. Von den im Antonius-Hospital untergebrachten Verwundeten ist heute Morgen ein Mann seinen schweren Verletzungen erlegen. Demselben wurden in der vergangenen Nacht nicht weniger denn 10 Holzstücke aus dem Körper geholt, außerdem hatte er das halbe Gesicht verloren, und einen Beinbruch. Der Mann hatte 25 Jahre lang Dynamit gefahren und niemals einen Unfall erlebt. Die Zahl der Todten mit Einschluß der Vermißten beläuft sich somit jetzt auf 13. Ein anderer, jüngerer Mann befindet sich ebenfalls in bedenklichem Zustande. Die Verletzten sind fürchterlich zugerichtet; so hat einer derselben sechs schwere Verletzungen an Kopf, Armen und Beinen. Glücklicherweise hatte dieser Mann, ebenfalls ein holländischer Schiffer, seine Familie nicht an Bord. Er hat sich der ganzen Affaire durch einen bewundernswerthen Muth und große Kaltblütigkeit ausgezeichnet und im kritischen Augenblicke, als alles floh, noch mehrere Personen gerettet. So holte er eine Frau von einem Schiffe und brachte andere Personen auf der Landstraße in Sicherheit, trotzdem er selbst aus vielen Wunden blutete. Ein Bravo diesem Wackeren für seinen edlen Opfermuth!
Uber die Einzelheiten der furchtbaren Katastrophe wird uns folgendes Weitere mitgetheilt: Die Bedeckungen der von der Explosion verschont gebliebenen Schiffe sind zerstört und zum Theil weit fortgeschleudert; eins von den noch nicht beladenen Schiffen ist im Augenblick der Explosion gesunken, so daß im Ganzen drei Schiffe verloren sind. Anscheinend ist eine größere Zahl von Kisten mit Dynamit im Rhein versunken. Mit dem Verladen waren ausschließlich technische Arbeiter der Fabrik beschäftigt; durch sie ist, ob mit oder ohne Verschulden, das Unglück herbeigeführt worden; vielleicht sind sie, durch langjährige Gebahrung, mit der Gefahr etwas gar zu vertraut gewesen. Soviel dürfte weiter unzweifelhaft feststehen; die betheiligten Behörden, welche mit der peinlichsten Sorgfalt zu Werke gegangen sind, und die zur Bewachung beorderten Beamten, welche alle auf ihrem Posten waren, trifft keinerlei Schuld.
Zur Ueberwachung der Verladung waren vier Gensdarmen am Platze; der Gensdarm Orth von Cranenburg hatte noch einige Minuten vor der Katastrophe, auf dem unglücklichen Schiffe stehend, seinen Wachdienst versehen und eben das Schiff verlassen, um Ablösung zu erhalten, da erfolgte die Explosion. Glücklicherweise kam er mit heiler Haut davon. Von Seiten der Kgl. Regierung war ein Gewerbe-Inspector zugegen; derselbe hatte genau acht Minuten das Schiff verlassen, als das Unglück eintrat. Ebenso war der Agent der Versicherungsgesellschaft, bei welcher die Schiffe versichert sind, noch fünf Minuten vor dem Eintritt des Unglücks auf dem Schiffe gewesen; er befand sich gerade hinter einer Böschung, als die Explosion erfolgte und wurde von dem Luftdruck zu Boden geschleudert. Als er vom ersten Schreck sich etwas erholt hatte, regnete es um ihn herum allerlei Gegenstände; ein großes, an zwei Seiten abgebrochenes Stück Eisen fiel dicht neben ihm nieder. Um ein Haar also wären alle diese Personen ein Opfer ihrer großen Pflichttreue geworden.
Weiter gehen uns über die Kathastrophe folgende Nachrichten zu:
* Goch, 19. März.Soeben 6 Uhr 18 Min. (Nachmittags) vernahm man hier einen donnerähnlichen Knall. Die Häuser erzitterten, Thüren und Fenster, die nur angelehnt waren, sprangen auf. Alles eilte bestürtzt auf die Straße, aber vergebens forschte man nach der Ursache dieser ungewöhnlichen Erscheinung. Die Einen glaubten an ein Erdbeben, andere vermutheten eine Explosion, die in der Nähe stattgefunden und den gewaltigen Luftdruck bewirkt habe.
* Kellen, 20. März. Gestern Nachmittag gegen ½7 Uhr war ein leichtes Erzittern der Erde zu verspüren, derart, daß man an ein Erdbeben glaubte. Eine halbe Minute später wurde man eines andern belehrt. Da ertönte bei heftigem Stoße ein Knall. Thüren und Fenster sprangen auf, und manche Scheibe wurde eingedrückt. Der Grund dieses außergewöhnlichen Ereignisses war eine Explosion des Dynamits am Schürpohl.
* Warbeyen, 19. März. Heute Abend 6½ Uhr fand hier durch die Explosion von Dynamit bei Keeken eine gewaltige Erschütterung statt. Thüren und Fenster flogen offen und viele Fensterscheiben sind zertrümmert worden.
* Griethausen, 20. März. Das Dynamit, welches auf Salmorth lagerte, ist bei der Einladung in die Schiffe gestern Abend ½7 Uhr explodirt. Die mit der Einladung beschäftigten Arbeiter,sowie die auf dem Schiffe wohnende Frau und Kinder sind meist umgekommen, ebenso viele auf dem Rhein sich befindliche Schiffer, andere sind schwer verletzt worden. Die in der Nähe liegenden Häuser haben so sehr gelitten, daß man sie nicht mehr bewohnen kann.